Unsere Wildtiere – das Wildschwein

 

Sie sind kompakt, flink und gute Wühler – zahlreiche Wildschweine leben in unseren Wäldern. Mehr über die imposanten Tiere, ihre Lebensweise und die Probleme von und mit ihnen erklärt uns Niels Hahn. Er ist Wildbiologe und Schwarzwildexperte.

Sie sehen schlecht, besitzen aber eine hervorragenden Geruchssinn. Daher werden Schweine auch zur Trüffel- und sogar zur Drogensuche eingesetzt. Die gleiche Art wie unser Hausschwein ist das borstige Wildschwein (Sus scrofa), das vor rund 10.000 Jahren domestiziert wurde.
Gerade in ihrem Winterkleid sehen die Wildschweine recht urig aus. Ihr Fell ist in zwei Schichten unterteilt: Über der dichten, wolligen Unterschicht liegen die Borsten. Die Haare der erwachsenen Tiere haben ganz unterschiedliche Farbvariationen, aber überwiegend sind es dunkelbraune bis schwarze Töne – deshalb heißen die Wildschweine in der Jägersprache auch Schwarzwild oder Schwarzkittel. Die Jungtiere – die Frischlinge – haben drei bis vier Monate lang auffallend gelb-braune Längsstreifen. Wenn sie bei Gefahr im Wald regungslos verharren, macht sie ihr Frischlingsfell praktisch unsichtbar.
Wildschweine sind erstaunlich anpassungsfähig; kein Wunder, dass sie beinahe rund um den Erdball beheimatet sind. Ursprünglich gab es sie nicht in Australien oder Nord- und Südamerika, dorthin haben sie erst die Menschen gebracht. Bei uns vermehren sich die Schwarzkittel nach wie vor prächtig. Das liegt daran, dass sie sich an unterschiedlichste Lebensbedingungen sehr gut anpassen können. Die ursprünglichen Waldbewohner besuchen mittlerweile sogar immer wieder unsere Städte. Ein Schlüsselfaktor für ihren Erfolg ist sicher die Ernährung und das Nahrungsangebot. Wildschweine sind Allesfresser mit einem Hang zur vegetarischen Nahrung und finden im Wald und in den landwirtschaftlichen Kulturflächen ein üppiges Angebot: Sie fressen Eicheln, Bucheckern, oberirdische und unterirdische Pflanzen, Pilze, Insekten, Regenwürmer, Schnecken, Mäuse, Amphibien, Vogelgelege und sämtliches Aas – eben alles.
Einer der sozialen Höhepunkte in einem Saujahr ist die Paarungszeit. Die sogenannte Rauschzeit liegt üblicherweise in den Monaten Oktober bis Februar. Etwa 115 Tage nach der Befruchtung kommen dann die Frischlinge zur Welt. Allerdings sind die Wildschweine auch in dieser Hinsicht sehr anpassungsfähig: Geht ein Wurf verloren oder herrschen ideale Nahrungs- und Umweltbedingungen, können auch zu anderen Jahreszeiten Frischlinge geboren werden. Bemerkenswert ist auch, dass die Frischlinge selber schon Nachwuchs gebären können; sie werden im Alter von sechs bis acht Monaten geschlechtsreif.
Die weiblichen Tiere, die Bachen, sowie die Jungtiere, die Frischlinge, leben meist in Familienverbänden, den sogenannten Rotten. Männliche Tiere, die Keiler, leben zunächst in Überläuferrotten – Überläufer sind quasi die „Teenies“ beim Schwarzwild –  sind danach aber Einzelgänger. Rottenverbände sind also keine statischen Gebilde, in und auch zwischen den Rotten gibt es eine sehr hohe Dynamik. Rottenmittglieder verlassen die Rotte zeitweise oder auch endgültig.
Grundsätzlich sind Wildschweine reinliche Tiere: sie nehmen regelmäßig Schlammbäder, suhlen sich darin ausgiebig. Trotz aller Hygiene bei den Tieren selbst, sind sie natürlicherweise auch Krankheiten ausgesetzt – sie werden wie wir Menschen auch von ganz unterschiedlichen Krankheitserregern befallen. Es gibt die Aujeszkysche Krankheit und die klassische Schweinepest aber insbesondere die Afrikanische Schweinepest. Letztere soll möglichst nicht in unseren Wild- oder Hausschweinbeständen auftreffen. Dazu sind bei den Hausschweinen intensive hygienische Maßnahmen nötig sowie die Ställe hermetisch abzuriegeln. Hauptverbreitungsvektor der Afrikanischen Schweinepest ist offensichtlich der Mensch, der das Virus durch Unachtsamkeit verbringen kann. Ein Weg könnte beispielsweise eine Wurstsemmel sein, die mit infiziertem Fleisch hergestellt wurde – die Afrikanische Schweinepest ist für Menschen ungefährlich. Wirft diese jemand weg, können Wildschweine den Leckerbissen leicht fressen.
Trotz des hohen Krankheitsrisikos, steigt die Populationsentwicklung seit Jahren stetig an. Natürliche Feinde wie beispielsweise Wolf und Bär fehlen in Deutschland. Darüber hinaus sorgen auch die geänderten Anbaubedingungen in der Landwirtschaft für die hohe Vermehrungsrate: Ein Maisacker bietet in den Sommer- und Herbstmonaten beispielsweise nicht nur Nahrung sondern auch Deckung. Entscheidend sind auch die durch den Klimawandel bedingten häufigeren Baummasten im Wald, die das Nahrungsangebot hier verbessern. Auch die Bewirtschaftung durch die Jäger trägt mancherorts das ihre dazu bei: Die Jäger locken die Wildschweine durch Futtergaben an sogenannte Kirrungen, um sie dort erlegen zu können. Ist, wenn das Schwein kommt, kein Jäger vor Ort, kann das Schwarzwild ungestört fressen. Passiert das häufig und vielerorts, kann das ebenfalls einen Beitrag dazu leisten, dass sich die Wildschweine auf einem hohen Niveau vermehren können. Ein Blick auf die Jagdstrecken zeigt: Die Jäger schöpfen den jährlichen Zuwachs an Frischlingen nur unzureichend ab – sonst könnte die Population nicht weiter anwachsen. Sicherlich sollten sie auch mehr weibliche erwachsene Tiere schießen, um den Wildschweinbestand zu regulieren oder gar zu reduzieren.
Schäden verursachen die wilden Wühler hauptsächlich in landwirtschaftlichen Flächen; eine Rotte Sauen ist im Stande ein Maisfeld oder einen Haferschlag vollständig zu zerstören – und das in einer einzigen Nacht. Aber auch im Wald können sie Schäden anrichten. Betroffen sind hier vor allem neu angelegte Kulturen: Zum einen können die Wildschweine die Kulturzäune anheben und so einen Zugang für Reh- und Rotwild schaffen – die Wildarten, die der Zaun eigentlich aus der Fläche heraus halten soll. Es kommt zudem immer wieder vor, dass die Schwarzkittel junge Kulturpflanzen, die gerade gesetzt wurden, ausreißen und ihnen die Wurzeln abbeißen. Insgesamt sollte man versuchen, den Wildschweinbestand auf ein deutlich niedrigeres Niveau als derzeit zu bringen.

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